Juni 21, 2014
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Er hat unser Schreiben revolutioniert, aber er ist so alltäglich geworden, dass wir ihn oft vergessen: der Bleistift.

Ich fuhr nach Stein, weil ich herausfinden wollte, was der Bleistift bedeutet. Ein Freund hatte mir vom Grafen erzählt, der als Experte des Bleistifts gilt. Der Graf war ein grosser Mann mit weissen Haaren und warmer Stimme. Er trug einen dunkelblauen Anzug und aus der Brusttasche schaute ein hellblaues Taschentuch. Seine Augen waren ruhig und wach.
Wir setzten uns ins Java-Zimmer seines Schlosses, tranken Kaffee und assen Schinkenbrote.

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Juni 19, 2014
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Als die Kirchenglocken aufhören zu läuten, ist nur noch das Rauschen der Isar zu hören und das Lachen der Kinder. Die Kinder tragen rote, blaue und gelbe Velohelme und werfen Steinchen in den Fluss. Die Kleinen versuchen ebenso weit zu werfen, wie die Grossen, aber sie schaffen es nicht. Als die Steinchen langweilig werden, rennen die Kinder den Tauben nach und kreischen. Die Tauben flattern davon und schweben über die Köpfe der Münchner Familien, die ihre karierten Decken ausgebreitet haben, die Bier aus braunen Flaschen trinken und Erdnüsse aus der hohlen Hand picken. Die Tauben segeln über die Reichenbachbrücke, wo ein Mann mit Schoppen in der Hand am Geländer lehnt und sich nun zur Seite beugt und eine Frau in lila Hemd küsst. Unter der Brücke sind zwei Menschen an einen steinernen Pfeiler gelehnt. Sie haben keine Kinder und keine karierten Decken dabei, aber Kochtöpfe und Schlafsäcke und sie werden hier sein, wenn die Sonne längst untergegangen ist und die Kinder in ihren Betten liegen und die Spieluhren verklingen.

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Juni 19, 2014
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Liebe Frau Rützler

Es ist schade, dass es anfing zu regnen. Ich hätte mir den Gemüsemarkt, den Sie mir zeigen wollten, gerne länger angesehen. Das Ende unseres Treffens war somit leider ein wenig chaotisch. Es tut mir auch leid, dass Sie wegen dem vielen Regen barfuss ins Büro zurück mussten. Ich hoffe, Sie haben sich nicht an Glasscherben verletzt.

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Juni 16, 2014

Malgorzata lackiert sich die Fingernägel, während sie zum Fenster hinausschaut und die Wälder Polens vorbeiziehen. Sie erzählt vom Baum, der in ihrem Garten in Warschau wuchs, er sei silbern gewesen und vermutlich weit über 70 Jahre alt, er habe den Krieg miterlebt und die Bomben überstanden. Der Stamm sei so dick gewesen, dass es zwei Malgorzatas gebraucht hätte, um ihn umarmen zu können. Sie steckt den Pinsel zurück ins Fläschchen, schiebt die Abteiltür einen Spalt weit auf und schwenkt die Finger. Sie zieht den Reissverschluss ihres Koffers auf und während sie ihre Kleider anschaut, singt sie leise ein Lied. Draussen wird es finster und Regentropfen machen Schlieren ans Fenster. Malgorzata nimmt eine schwarz glänzende Hose und eine königsblaue Bluse aus dem Koffer. Sie geht auf die Toilette, um sich umzuziehen. Als sie zurückkommt, pudert sie sich die Wangen im Spiegel. Sie ist jetzt ein wenig heller und ihre Augen leuchten nicht mehr so sehr. Sie sagt, eines Tages habe sie bemerkt, dass der Baum braun geworden war und dann habe sie ihn fällen lassen. Das sei bestimmt schlecht fürs Karma gewesen.
(Von Warschau nach Katowice)

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Juni 16, 2014
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Episoden einer Begegnung im schmalsten Haus der Welt

Jakub Szczęsny sitzt auf einem weissen Brett, das aus einer weissen Wand herausragt und er hält eine weisse Teetasse in der Hand, in die er kaltes Wasser nachfüllt. Er ist zur Seite geknickt und hat die Beine übereinander geschlagen. Er trägt eine Brille aus Holz, die ein bisschen zu tief sitzt.

„Jakub, hast du jemals darüber nachgedacht, dieses Haus in Serie herzustellen?“

Er schiebt den Kopf vor und rückt die Brille zurecht.

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Juni 15, 2014
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Ja, das gehört zu jeder Reise: Das Dankeschön an Leute wie Christoph zum Beispiel.

Christoph, der uns durch die Hinterhöfe Warschaus führt, die nach Keller riechen obwohl man den Himmel sehen kann. Eigentlich müsste Christoph an seiner Bachelorarbeit in Politikwissenschaft schreiben, aber viel lieber bringt er uns zur einzigen Synagoge, die während dem Krieg nicht zerstört wurde, er zeigt uns das alte Ghetto mit den Einschusslöchern in den Fassaden, wo jetzt Gras herauswächst, und er redet nie vom einen oder anderen Krieg, sondern immer nur von „der Krieg“, der hier alles zerstörte. Und dann sagt er, er wolle uns noch etwas zeigen, etwas, das wir ohne ihn nie sehen würden, etwas, das schier unglaublich ist, jedenfalls heutzutage, da diese Stadt so glitzert und funkelt, und er führt uns zum ehemaligen Hauptquartier der kommunistischen Partei, wo jetzt abends Bässe wummern und junge Leute versuchen, möglichst gut auszusehen. Wir steigen eine Wendeltreppe hinunter in den Keller einer Bar, gehen durch eine schwarze Tür in die Küche, von der Küche in den Vorratsraum und dann in ein Gewölbe unter der Erde, und am Ende des Korridors steht der staubige Torso eines Mannes. Der Torso wurde vor langer Zeit aus winzigen Metallplatten zusammengeschweisst, er trägt einen Mantel, ein Hemd, eine Krawatte, er hat einen Bart am Kinn, einen Schnauz über der Lippe, einen Haarkranz am Kopf, und er schaut hier unten mit sturer Entschlossenheit die graue Wand an. Lenin.

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