Juli 1, 2014

Die Grenzen von Patras fasern bis zum Horizont aus, und die Strassen hören einfach plötzlich auf. In Patras sagen junge Männer mit halb durchsichtigen Sonnenbrillen, man dürfe auf keinen Fall den Zug nach Athen nehmen, denn nur Dealer und Diebe würden Zug fahren. Jörg sagt, die Croissants von Patras würden schmecken wie eine Schwimmweste, die mit Nutella eingestrichen wurde. Ich mag die Croissants. Und natürlich ist Patras nicht Bari, dieses Geschenk am Mittelmeer, wo man vor Demut niederknien möchte. Aber auch Patras kann schön sein, wenn die Wolken dramatisch über der Stadt hängen und Regenvorhänge heranwehen; wenn das Meer lustig schäumt und so hellblau ist wie der Lidschatten von Lady Gaga; und wenn in den Gärten der Stadt Zitronen und Orangen wachsen.

Und wenn man davonfährt und denkt, dass man doch eigentlich hätte bleiben sollen.
(Patras)

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Juni 29, 2014
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Ein abgelauschtes Gespräch auf der Fähre von Bari, Italien, nach Patras, Griechenland

Die Südafrikanerin streckt beide Hände flach von sich und sagt: „Ich brauche eine Pause.“ Sie greift in ihre Tasche, zieht eine Packung Marlboros hervor und geht durch die schwere Metalltür in die Nacht. Der Amerikaner schaut durchs Fenster zu, wie sich die Südafrikanerin an die Reling lehnt und mit der Hand den Wind abschirmt, um die Zigarette anzuzünden. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

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Juni 26, 2014

Drei Italiener auf einer Nebenstrasse an einem warmen Samstagabend. Einer stellt seinen Kastenwagen an den Strassenrand, knipst den Warnblinker an und schiebt die Seitentür zurück, auf der Boccia Servizio Cathering steht. Der zweite parkt seinen VW Tuareg daneben, lässt die Fensterscheibe heruntergleiten und zündet sich eine Zigarette an. Der dritte stellt seinen grauen Fiat quer auf die andere Strassenseite, steigt aus und lehnt sich an die Kühlerhaube. Aus der Ferne rückt ein Wummern heran. Ein schweres Motorrad flitzt mit einem Schlenker durch die Lücke zwischen den Autos. Ein Mann mit Handorgel stimmt ein frisches Lied an.
(Bari)

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Juni 25, 2014
ROM-Hochzeitsgesellschaft

Warum tun wir das eigentlich? Gedanken über eine Tätigkeit im Zug von Venedig nach Rom.

Irgendwo in Italien,

Im Zug von Venedig nach Rom ist die Klimaanlage ausgefallen. Ein alter Mann zieht ein Tuch aus der Hosentasche und wischt sich damit die Stirn ab. Vor zwei Monaten war ich schon mal hier in der Gegend, es war kalt und feucht. Ich war in Arezzo, wo hoch über der Stadt eine Wölfin aus weissem Marmor stand, die zwei Menschenkinder säugte, und an der Statue lief der Regen herunter. In Arezzo wohnte der Gelehrte der Grand Tour, Attilio Brilli. Brilli war erkältet und er hatte einen Termin beim Doktor. Trotzdem nahm er sich Zeit, mit mir über das Reisen zu sprechen. Brilli weiss alles über das Reisen, er befasst sich seit 20 Jahren damit. Er hat mehrere Bücher geschrieben, sie wurden in verschiedene Sprachen übersetzt.

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Juni 24, 2014
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Christian Kühn und Harald Trapp haben alle Parlamentsgebäude der Welt in einem Massstab von 1:500 nachgebaut, mit Treppchen und Geländern und Dächern und Kaminen. Die Gebäude sind weiss und kleben an einer weissen Wand. Das Parlament von Tonga sieht aus wie ein Geräteschuppen, jenes von Myanmar wie ein Fluggerät von einem fernen Planeten, zudem ist es viel zu gross. Durch den Pavillon schlendern Leute mit hellblauen Socken, die in violetten Golfschuhen stecken, man zückt Kameras, die aussehen als seien sie 50 Jahre alt, man fotografiert. Man trägt rosarote Jeans und hellgrüne Hemden. Draussen in der Sonne steht ein Lautsprecher auf einem Ständer und die übernächtigte Stimme von Nick Cave ist zu hören, wie er den Higgs Boson Blues singt. Übermorgen ist die offizielle Eröffnung dieser Architektur-Biennale. Einige der Offiziellen werden dieses Jahr wohl nicht dabei sein. Auch der Bürgermeister von Venedig nicht, der die Eröffnungsrede halten sollte. Sie wurden heute verhaftet und sitzen jetzt im Untersuchungsgefängnis, es besteht der Verdacht auf Korruption und Bestechung im Zusammenhang mit Bauverfahren.

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Juni 23, 2014
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Ein älteres Ehepaar kommt die Treppe zur Veranda des Hotels hoch, an den zwei steinernen Engeln vorbei. Der Mann stützt den Ellbogen der Frau, bis sie bei der obersten Treppenstufe angelangt ist. Er trägt ein blaues Hemd, das oft gewaschen wurde. Über seinem Bauch spannt sich der Gurt eines Herrentäschchens. Er atmet schwer. Die Frau trägt einen Rock, der ihr bis zu den Knöcheln reicht und ein rosarotes Foulard um runde Schultern. Zwischen den Palmen beim Eingang zur Lobby bleibt sie stehen. Er stupft sie an, aber sie bewegt sich nicht. Sie streckt den Zeigefinger aus und sagt: „Hörst du das?“ Er hebt das Kinn und in seinen Augen verändert sich etwas. „Das ist lange her“, sagt er. Einen Moment stehen sie da und hören der Musik zu. Sie legt ihre Hand an seine Schulter. Sie drehen sich langsam im Kreis und singen leise: „Something happens and I’m head over heels.“ Jenseits der Hortensien plätschert ein Brunnen. Bald ist Mitternacht. Der nächste Tag ist vielversprechender, die Besichtigung der Architektur-Biennale in Venedig.

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Juni 23, 2014
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Von Triest nach Venedig

Seit den siebziger Jahren leben immer weniger Menschen in Triest, es waren mal rund 280’000, dann noch 250’000 und jetzt etwa 200’000. Die Triester sind im Durchschnitt fünf Jahre älter als der Rest der Italiener. Mikael Colville-Andersen sagte uns in Kopenhagen, wir müssten unbedingt hierher kommen, es sei eine aussterbende Stadt, alle seien alt.

Wir gehen ins Caffè San Marco, das hundert Jahre alt ist und wo bestimmt viele Menschen mit grauen Haaren über Zeitungen gebeugt sind und nie ein Handy klingelt. Als wir ankommen, hat der Kellner einen Metallstift in der Unterlippe und er geht lässig zwischen den Tischen durch, die eine Schulter leicht hochgezogen, wie es James Dean in seinen Filmen tat. Als eine Kellnerin ihn ablöst, hat sie dicke Streifen auf die Augenlider gemalt und kein Fältchen darum herum. Der Koch hat tätowierte Arme. Ein paar Strassen weiter tragen kleine Kinder rote und blaue Schirmmützen und ein Junge hält ein Mikrofon in der Hand, das so lang ist wie sein Oberkörper und er bewegt die Lippen zu seinem Popsong, dessen Text er vermutlich nicht versteht, und die anderen Kinder tänzeln um ihn herum, ein blonder Junge macht einen Purzelbaum. Überall stehen Kinderwagen herum und Eltern wackeln mit den Hüften und klatschen in die Hände.

Es ist besser, wenn wir diese Stadt bald verlassen.

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