Grand Touristen

Jörg Koopmann und Michael HugentoblerJörg Koopmann und Michael Hugentobler

Grosse und kleine Fragen an die Grand Touristen

Wer seid ihr?

Michael Hugentobler, Journalist.
Jörg Koopmann, Fotograf und Oberbayrischer Meister im Faltfahrrad-falten.

Warum ausgerechnet ihr?

Jörg: Weil wir auf die guten Dinge warten können.

Welche Eigenschaften braucht ein Grand Tourist?

Jörg: Grand Humor und Grand Appetit.
Michael: Zeit. Zeit, aber nicht allzu viel.

Was lässt ihr zurück?

Michael: Den Alltag, der mir oft eintönig vorkommt und dem ich gerne davonreise. Aber ein Teil des Alltags ist auch die Liebe. Die lasse ich nicht gerne zurück.
Jörg: Eine unaufgeräumte Einzimmer-Wohnung in München, die Freunde aus Köln und Essen besetzen werden. Eine Kollegin und ein Team, die mit allen Kräften an dem neuen Programm der Münchner Lothringer13 Halle arbeiten und meine Freundin in Kopenhagen, die mich eh schon viel zu selten sieht.

Wie seid ihr zu Eurer Route gekommen?

Michael: Die Route hat sich durch die Geschichten ergeben, die Geschichten ergaben sich durch Gespräche mit Freunden und Kollegen und durch Recherche.

Ihr habt eine ‘Carte Blanche’. Was heisst das?

Jörg: Carte Blanche heisst, dass Leute mich/uns losschicken und erwarten, dass ich gute Arbeiten mache über Orte, Leute und Situationen, von denen keiner der Beteiligten weiss, wie sie genau aussehen werden. Eine grosse Herausforderung, Verantwortung und Freude. Ich vertraue auf meine Intuition und mein hart erarbeitetes Glück, wie fast immer.

Wie habt ihr euch vorbereitet?

Jörg: Eine Assistentin engagiert, um in München an meiner Stelle zu arbeiten. Eine neue Hose und Jacke und viele Akkus gekauft.
Michael: Ich traf den Experten der Grand Tour, Attilio Brilli. Er wohnt in Arezzo, in Italien. Es war ein kalter und feuchter Tag im März, als ich dort ankam. Attilio Brilli sass in einem kalten und feuchten Zimmer und war erkältet. Er musste dringend zum Doktor, aber er nahm sich noch Zeit für ein Gespräch. Das Gespräch führte uns zurück bis zu Herodot und noch weiter.

Eure Vorbilder?

Michael: Robert Byron, auch wenn seine Intelligenz manchmal nervt. Aber keiner konnte so präzis absurde Situationen beschreiben, keiner reiste neugieriger. Amy Hempel weil sie einen zum Lachen bringt und einem als nächstes das Herz bricht. Truman Capote wegen seiner Eleganz.
Jörg: Mein verstorbener Kater, mein zukünftiger Yogalehrer und Istanbul.

Macht ihr auch mal normale Ferien?

Jörg: Ich nenne das Urlaub, Ferien nennt man bei uns die schulfreie Zeit. Erholung suche ich eher Zuhause als auf Reisen.

Euer Verhältnis zum Velo?

Michael: Das Velo ist das billigere Taxi und die schnellere U-Bahn. Und dieses ist wie ein Taschenmesser, man hat es immer dabei.
Jörg: Ich besitze ein Basso von meinem Vater, seit den 80ern von ihm rund 50’000km geliebt, ein Cannondale Reisebike, das nach vielen Ländern nun ohne Gepäcktaschen in urbaner bayrischer Alters-Teilzeit noch arbeitet, ein junges Transportfahrrad Bicecarpaci, von einem Ehepaar aus Mailand entworfen, und ein dezent oranges Birdy. Ich hätte gerne noch ein De Rosa Rennrad wegen dem Herz-Logo, ein Fausto Coppi, weil das der Held von meinen Papa war, und das türkise Peugeot, das irgendein Charakterschwein in Kopenhagen geklaut hat. Und ein Christiania Bike für meine Freundin. Danke.

Eure Reiseerinnerungen?

Jörg: Die ersten sind Skiurlaube. Oder Dänemark und Sardinien mit Familie? Alles auf Super8 Filmen dokumentiert, ca. späte 70er. Schlimme? Ein Agra/Indien-Zweitagesausflug mit meiner Frau, während dem wir zwischendurch beide über die Inder und unser Pech ausgetickt sind. Irgendwann kann man trotzdem drüber lachen. Touch my ball, Taj Ma´hall.
Michael: Ich sass im Auto hinter meinem Vater. Er stoppte das Auto vor Erdlöchern, in denen Menschen lebten. Es gab dort Kinder in meinem Alter, sie kamen herbeigerannt und öffneten die Autotür. Die Kinder schauten mein Comic-Heft an. Meine Mutter sagte, ich solle den Kindern das Heft schenken, da es hier solche Dinge nicht gebe. Danach fuhren wir durch die Sahara, draussen war es Nacht und der Mond war rund und hell und darum herum glitzerte es. In der Luft lag Sand, der zwischen den Zähnen knirschte. Ich war fünf oder sechs Jahre alt.

Ist Grand Tourismus Arbeit?

Jörg: Klar ist das Arbeit, aber meist eine schöne. Physisch und psychisch nicht immer ein Wunschkonzert, aber die Freuden sind vielfältig, überraschend und oft nicht planbar.
Michael: Ja, es ist Arbeit. Der Moment, in dem sich die Wörter richtig zusammenfügen und Ton und Rhythmus der Situation entsprechen. Das ist anstrengend, aber schön.




Jörg Koopmann, in München geboren, ist Fotograf, Kurator und Verleger.
www.joergkoopmann.com


Michael Hugentobler, in Zürich geboren, ist Journalist.
www.michael-hugentobler.ch